Die Geschiebe des Jahres 2014

Die Gesellschaft für Geschiebekunde hat anlässlich ihres Neujahrsempfangs im Januar dieses Jahres im Geomatikum der Universität Hamburg das Västervik-Fleckengestein und den Beyrichienkalk zu den Geschieben des Jahres 2014 erklärt.

Der Begriff „Geschiebe“ gibt dabei schon einen treffenden Hinweis auf die Herkunft dieser Gesteine, stammen sie doch aus skandinavischen Breiten und sind mit den Gletschern der Eiszeiten in die norddeutsche Region „geschoben“ worden. Beide Gesteine sind äußerst verschieden, aber jedes auf seine Weise sehr interessant.

Das Västervik-Fleckengestein ist ein Vertreter der sog. kristallinen Geschiebe und nach der an der Ostseeküste gelegenen schwedischen Stadt Västervik benannt. Seine Grundfarbe ist meist rötlich, selten auch grau, und schwarze Flecken verleihen ihm sein attraktives Erscheinungsbild.

vaestervikDie Rekonstruktion seines Ursprungs ist eine spannende Geschichte, die sich annähernd 2 Mrd. Jahre zurückverfolgen lässt: In einem weitläufigen Flusssystem transportierte Sande und Tone wurden abgelagert und die Sand-Schichtungen weisen auf ein früheres Flussdelta hin, während Wellenrippeln und Minerale im Gestein den Einfluss eines nahen Meeres dokumentieren. Als diese Ablagerungen durch Absinken der Erdkruste unter hohe Druck- und Temperaturbedingungen gerieten, später dann von den überlagernden Schichten durch Erosion befreit wurden, war das heute bei uns vorzufindende Fleckengestein entstanden. Man kann sich kaum der Faszination entziehen, schaut man an der Straße zwischen Gamleby und Västervik auf ca. 2000 Millionen Jahre Erdgeschichte und auf die Zeugnisse dieser Geschichte: Wellenrippeln die sich in jener Zeit gebildet haben, so wie wir heute Wellenrippeln an unseren Badestränden sehen.

Allerdings bergen diese Steine auch jetzt noch Geheimnisse in sich, denn in ihnen wurden Minerale gefunden, Zirkone, deren Alter auf mehr als 3 Mrd. Jahre datiert worden sind. Sie deuten darauf hin, dass sich schon eine Mrd. Jahre vor der Bildung des Västervik-Fleckengesteins Erdkruste gebildet haben muss, über deren Entstehung und Verbleib wir heute zwar viele Annahmen machen können, aber über die wir noch kaum etwas wirklich wissen.

Nicht so alt wie das Västervik-Fleckengestein, im Vergleich dazu sogar recht jung, ist mit etwa 420 Mio. Jahren der aus dem Zeitalter des Silur stammende Beyrichienkalk. Er gehört zur Gruppe der Sedimentärgeschiebe, ist häufig grau, nimmt aber in verwittertem Zustand einen eher gelblichen Farbton an.

beyrichienkalkNamensgebend für den Beyrichienkalk sind wegen ihres häufigen Auftretens in diesem Gestein die nur Millimeter großen Muschelkrebse Beyrichien. Doch nicht nur Muschelkrebse lassen sich finden. Dieser Kalk ist bei Sammlern gerade wegen seines Fossilreichtums sehr beliebt. Zu den regelmäßigen Funden gehören Muscheln, Schnecken, Brachiopoden und Moostierchen – und mit etwas Glück sind auch Trilobiten- und Fischreste darunter.

Auch ist eine rötliche, etwas jüngere Variante des Beyrichienkalkes bekannt. Von ihr weiß man, dass sie aus Småland in Südschweden stammt. Für das Herkunftsgebiet der gräulichen Verwandten liegen allerdings bisher nur Vermutungen vor. Diese sind zwar recht fundiert und weisen auf ein östlich der schwedischen Insel Gotland gelegenes Gebiet in der Ostsee hin, aber niemand kann seine Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht die mächtigen Eisströme diese Kalke vom skandinavischen Festland vollständig abgeschliffen und in unsere Regionen verfrachtet haben.

Es wartet somit noch manch eine Frage in der Geschiebeforschung und in den mit ihr verwandten Gebieten auf eine Antwort und viele Funde warten darauf, von Fachleuten, Sammlern und interessierten Laien entdeckt zu werden.

B.Rybicki